Lesen können ist eine große Sache!

Agathe ist 22 Jahre alt und eine junge Frau, die in ihrem Freundeskreis als selbstständig und selbstbestimmt wahrgenommen wird. Sie lässt sich nicht gerne reinreden und geht ihren Weg - nicht immer schnurstracks geradeaus - wie die meisten 22 Jährigen eben auch. 

Agathe hat heute im Fernsehen zum ersten Mal davon gehört, dass sie vielleicht gar keine Rente bekommen wird, so wie sie dies von ihrer eigenen Oma kennt. Sie hat gesehen, dass es schon heute Rentner gibt, die sich mit Flaschen sammeln oder Zeitung austragen zu ihrer Rente etwas dazuverdienen wollen... oder müssen. Agathe ist schockiert. Sie ist schockiert, irgendwie auch empört und vor allem bekommt sie Angst, wenn sie an ihre eigene Zukunft denkt. 

 

Agathe versteht sich gut mit ihrem Nachbarn Hanno. Sie hat schon oft mit Hanno über dies oder das gesprochen, einfach so. Er scheint sehr klug zu sein, denn er hat zu allem eine Meinung.

 

Nun steht Agathe im Hausflur und macht ihren Gefühlen Luft! Es könne doch nicht sein, dass man sein ganzes Leben lang arbeiten geht und dann weiß man trotzdem nicht, wie man seine Miete bezahlen soll! Für diese gnadenlose Ungerechtigkeit findet sie kaum Worte.

 

Hanno dagegen braucht nicht lange, um seine Meinung in Worte zu fassen: "Wir müssen nur viel öfter mit Steinen nach den ganzen Flüchtlingen werfen! Dann wird alles besser!"

 

Agathe hatte in der Schule starke Probleme mit dem Lesen und war irgendwann daran gewöhnt, dass sie von der Lehrerin nicht mehr zum Vorlesen drangenommen wurde. "Wenn DU liest, versteht keiner mehr ein Wort!", hatte sie immer gesagt. Deshalb hat sie irgendwann auch überhaupt nicht mehr gelesen. Kann ich nicht - will ich nicht - mach ich nicht! In den Unterlagen, die ihr kürzlich von ihrer Versicherung zugeschickt wurden, hatte sie die Broschüre gesehen - mit der Überschrift "Machen Sie Ihre Rente sicherer und beugen sie vor!" Doch 25 Seiten Text? Keine zehn Pferde würden sie dazu kriegen, DAS zu lesen!

 

Agathe denkt über Hannos Worte nach und geht in ihre Wohnung. Mit Steinen nach Flüchtlingen werfen? Hanno ist schon ein witziger Kerl! Sowas macht man doch nicht! Aber dass sie bei der nächsten Bundestagswahl die AFD wählen würde, das steht für sie jetzt fest!

 

Die Geschichte könnte aber auch ganz anders verlaufen...

 

Agathe hat nämlich mit 12 Jahren eine Lerntherapie angefangen, damit sie ihre Probleme im Lesen in den Griff bekommt. Zum damaligen Zeitpunkt war das Letzte, worauf sie Lust hatte, einmal die Woche zu dieser schrulligen Tante zu gehen, die tatsächlich glaubte irgendetwas über Agathe zu wissen. Doch die schrullige Tante erwies sich als der verständnisvollste und geduldigste Mensch, dem Agathe je begegnet ist. Nach einem halben Jahr merkte sie selbst erste Fortschritte und nach knapp einem Jahr bekam sie das erste Mal auf der weiterführenden Schule eine drei auf dem Zeugnis - noch nicht in Deutsch, aber ein guter Anfang. Die Sache mit dem Lesen wurde immer besser.

 

Das Lesen ist heute immer noch nicht Agathes Lieblingsbeschäftigung - und wird es wohl auch nie werden. Doch zumindest bekommt sie keine Panik mehr und Bauchschmerzen, wenn sie einen langen Text vor sich hat. 

 

Als Hanno vor ihr steht und meint "Wir müssen nur viel öfter mit Steinen nach den ganzen Flüchtlingen werfen! Dann wird alles besser!", fängt Agathe an zu lachen. "Hanno, du bist ein witziger Kerl! Aber werd' erwachsen!"